Freitag, 21. Juni 2013

Help! I'm alive


Ein Jahr ist es schon her. Schulkonzert. Ich habe gelacht, mit anderen gefeiert, mich noch einmal schick gemacht. Und doch gab es nur einen einzigen Gedanken.
Verabschiedet habe ich mich nicht wie gewohnt mit "Bis dann", sondern mit "Machs gut". Besonderen Menschen habe ich noch einmal gesagt, wie wundervoll sie sind.
"Ist irgendetwas?"
"Nein. Nichts."
Eine Stunde später. Meine Familie schläft. Die Lichter sind aus. Nur eine einzige Schreibtischlampe leuchtet mir grell ins Gesicht. Vor mir liegen ein Dutzend leere Tablettenpackungen. Alle geschluckt. 70 Stück. Schmerzmittel, Antidepressiva, alle Sorten. Meine Hände umgreifen die scharfe, neue Klinge. Meine Lider werden schwer, ich sinke im Bett in mich zusammen. Ich schneide. Aber ich bin zu müde, habe keine Kraft mehr. Ich spüre, dass es das Ende ist. Es ist so schön. Nur noch die Augen zu machen und nie wieder aufwachen. Einen letzten Atemzug. Stille.

Fünf Stunden später. Ich liege im Bett, Übelkeit, Schwäche. Überall rufen mir Frauen Sätze zu, an die ich mich heute nicht mehr erinnere. Sie schreien mich an. Rufen mich. Ich sehe überall helle, weiße Lichter, Flecken. Die Stimmen werden immer aufdringlicher, sie machen mir Angst. Ich will schreien. Aber habe keine Kraft. Ich höre, wie andere Türklinken sich bewegen, wie andere miteinander reden. Sie sollen nur aufhören. Mal bin ich weg, dann wieder da. Ich habe Panik, versuche, zu den Menschen zu reden, sie sollen aufhören, ich will das nicht. Doch aus meinem Mund kommen keine Sätze, nur leise, unverständliche Laute. Ich bin nicht mehr fähig zu reden. Vor mir ein Geist einer Frau. Sie redet auf mich ein. Ich will sie wegwischen, doch mein Arm fällt neben mir hinunter. Alles wird schwarz. Dann wieder weiß. Wie in Trance versuche ich, irgendetwas zu tun, damit diese Stimmen weggehen. Ich habe so Angst vor ihnen. Doch mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Ich versuche, aufzustehen. Meine Beine geben nach, ich falle hin. Langsam robbe ich mich weiter. Bis ins Bad. Doch die Stimmen verfolgen mich, lassen mich nicht gehen. Ich rede mit ihnen, doch wieder hört man nichts als halbstumme Laute. Ich bewege meinen Arm, doch er schwingt umher, unkontrolliert. Ich bekomme die weißen Schlieren nicht weg.
Plötzlich wird alles schwarz und ich falle einen Abgrund hinunter. Ich sehe nichts mehr. Dann schwebe ich im dunklen Nichts. Es gibt einen Ruck und ich werde zurück in das weiße Licht geschleudert. Erkenne eine Toilette. Erneut einen Ruck. Und ich erbreche, würge. Breche neben der Toilette zusammen. Die Stimmen reden wieder auf mich ein. Ich glaube, sie existieren nicht real. Aber sie reden mit mir. Und ich bin mir sicher, dass sie neben mir stehen. Doch da ist niemand. Ich stürze wieder in die Schwärze, erblindet.

Eine längere Zeit liege ich so da, immer zwischen weiß und schwarz, zwischen Panik und Leere, zwischen Schwitzen und Erbrechen. Ich kann mich nicht bewegen, kann nicht reden. Mein Körper gehorcht mir nicht und meine Zunge und mein Mund formen nur grässliche Laute, unfähig, normal zu sprechen.

Es muss morgen sein. Ich komme ein wenig zu Bewusstsein. Und erkenne, dass ich lebe. Ich habe es nicht geschafft, mich umzubringen. Ich muss weiter leiden. Die Stimmen lachen mich aus. Panik. Schiere Panik.

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